BAYERNregional
Kleinanzeigen aus der Umgebung, z. B. Immobilien, Verkäufe, KFZ, Verschenken, ... Kostenlos inserieren

Veranstaltungen und Termine, z. B. Flohmarkt, Volksfest, Kino, ... Veranstaltung vorschlagen

Gedanken einer Bauerntochter (Teil 1)

Sie verpesten die Umwelt, quälen Tiere und hintergehen den Verbraucher: Bauern. Wer diesen Beruf heute noch ausübt, ist lebensmüde, davon bin ich fest überzeugt! Ich bin auf einem klassischen Bauernhof in Bayern aufgewachsen und meine Eltern sind noch heute Landwirte, allen Anschuldigungen und Entbehrungen zum Trotz. Für ihre Arbeit sollten sie gelobt und nicht angefeindet werden. Darum teile ich hier mit Ihnen meine Gedanken zum Leben als Bauernkind.
Katharina Bauer, Bauerntochter

Wie ein Bauernhof heute aussieht


Ein Hof mit Pferden, Schweinen und Hühnern in grüner Idylle. Morgens melkt der Bauer seine drei Kühe mit einem Eimer. Er mäht die Wiesen mit der Sense, streut die Aussaat eigenhändig aufs Feld und schlägt seine Butter im Sahnefässchen.
Nackte Böden, überall Kot und Massen von Kuhleibern. Leiharbeiter, die mit Stöcken auf Tiere eindreschen und im Schichtbetrieb malochen. Die Rinder tragen Nummern und bedeuten denen, die dort beschäftigt sind, nichts.

Keines dieser völlig gegensätzlichen Bilder spiegelt die Wahrheit auch nur ansatzweise wider. Das Bauernhofidyll stammt aus einer Zeit, in der ein Hof eine Familie ernährte. Nun ernährt ein Landwirt hundert andere Menschen. Die Tausend-Kühe-Farmen machen einen kleinen Anteil der Landwirtschaft aus. Noch. Denn wenn sich Konsum- und Kritikverhalten der Verbraucher nicht ändern und die Prinzipien der freien Marktwirt weiterhin gelten, überleben nur die, die sehr viel Nahrung sehr billig produzieren können.

Aber wie schaut der Großteil der deutschen Milchviehbetriebe denn dann aus? Unser Familienbetrieb ist ein Durchschnitts-Bauernhof mit fünfzig Milchkühen und deren Nachkommen. Die meisten Bauern in unserer Gegend wissen, welche Kuh sich gerne melken lässt oder vorher gekrault werden sollte. Sie wissen, wie viele Kälber diese Kuh ihnen geschenkt hat und von welchem Bullen sie trächtig ist. Und sie kennen sie alle beim Namen.
In den frühen Neunzigern haben meine Eltern den alten Anbindestall zu einem Laufstall umgebaut, damit sich unsere Kühe frei bewegen können. Diese Investition in den Kuh-Komfort zahlen meine Eltern noch heute ab. Der Laufbereich unseres Stalles ist mit Spalten versehen, durch die der Kot direkt in die Kanalisation fällt. Das hält den Stall sauber. Auf jede Kuh wartet mindestens eine geräumige Liegebucht mit ordentlich Stroh. Manche Schmutzfinken legen sich aus Spaß am Dreck trotzdem auf die Spalten.
Gleich von Anfang an gab es an den Wänden Bürsten zum Schubbern und eine automatische Massagemaschine, die Kuhrücken krault. Überall hängen Tränkebecken, damit die Kühe so viel trinken können, wie sie wollen. Im Kraftfutterstand holt sich jedes Tier seine Tagesration ab, wann es möchte. Daneben gibt es an der Futterbank ein All-you-cant-eat-Buffet, das fast rund um die Uhr offen ist.

Weil Rinder es lieber kühl mögen, hat mein Vater sogar einen Ventilator im Stall aufgehängt. Und er hat unseren Kühen einen Auslauf gebaut, sodass sie an die frische Luft können. Damit seine Ladies nicht nass werden, hat er diesen auch noch überdacht. Schließlich haben meine Eltern in einen Melkroboter investiert. Nun können ihre Kühe zum Melken gehen, wann immer die Milch aufs Euter drückt. Damit sie ohne Angst in die kleine Kabine marschieren, gibt es dort eine schmackhafte Belohnung.
Die Kälbchen werden in den ersten Wochen in strohgefüllten Einzelboxen großgezogen. Dann geht es mit vielen Gleichaltrigen in die Krabbelstube. Auch bei ihnen legen meine Eltern Wert auf gutes Futter, viel Platz und die Möglichkeit, nach draußen zu gehen. Unsere Kühe tragen keine Hörner, die Knospen entfernt mein Vater den Kälbchen so früh wie möglich. Wer einmal gesehen hat, wie schwer sich Kühe bei ihren Machtrangeleien (die es sowohl im Stall als auch im Freien gibt) verletzen können, der wählt die Enthornung als das kleinere Übel.

Meine Eltern hängen an ihren Tieren und leiden mit ihnen. Vor Kurzem brach eine Kuh unerwartet zusammen, vielleicht eine Lungenembolie. Es wäre nicht zu verhindern gewesen, aber meinen Vater nahm der Tod des Tieres so mit, dass er den restlichen Tag kaum ansprechbar war. Und unsere Kühe lieben meine Eltern. Sie haben Vertrauen zu ihnen und lassen sich von ihnen streicheln, beruhigen, liebkosen.
Auf unserem Hof leben noch einige Katzen, unser Hund und die paar Hühner meiner Oma. Früher hatten wir noch Schweine, Ziegen und Schafe. Aber die Bestimmungen der EU werden immer strenger. Pro Tierart, die meine Eltern auf dem Hof halten, muss mein Vater einen vollen Leitz-Ordner mehr Bürokratie stemmen. Die meisten Regeln und Auflagen sind nachvollziehbar, aber für einen Hof, der wettbewerbsfähig bleiben soll, mitunter nicht mehr wirtschaftlich umsetzbar. Unter anderem dafür gibt es Subventionen.

Subventionen helfen den Familienbetrieben, gegen Konkurrenzprodukte aus Ländern anzukommen, die nicht den strengen Bestimmungen der EU unterliegen oder in denen die Einhaltung dieser Regeln nicht so genau kontrolliert wird wie in Deutschland. Subventionen helfen den Bauern, den Naturschutz umzusetzen. Lässt der Bauer eine Wiese im Frühjahr stehen und wachsen, dann kommt dies den Rehkitzen und Insekten zugute. Für seine Tiere braucht er aber Futter, das er nun extra
erwerben muss. Subventionen ermöglichen ihm, die Wiese trotzdem der Natur zu überlassen.
Familienbetriebe wie der meiner Eltern sollten die Zukunft, nicht die Vergangenheit sein. Denn hier hat jedes Tier, jeder Quadratmeter Erde noch einen Wert, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Wenn unser Hof stirbt, dann bluten nicht nur meine Eltern, sondern auch meine Großeltern, meine Geschwister und ich. All die Vorwürfe, Vorurteile und Sanktionen treffen die Familienbetriebe, und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional. Einem Agrarbetrieb mit 1000 Kühen und drei Managern sind sie vermutlich egal. +Schön wäre es, wenn in der gesellschaftlichen Mitte endlich ein realistisches Bild von Landwirtschaft ankommt und das Bewusstsein, dass Lebensmittel ihren Preis haben. Momentan freuen sich die Bauern kringelig, wenn sie für den Liter Milch einen halben (!) Cent mehr kriegen. Uns Verbrauchern tut es nicht weh, wenn die Butter zwanzig Cent mehr kostet. Aber genau darüber schimpfen wir. Noch.

Zum 2. Teil

Katharina Bauer, Bauerntochter | Bei uns veröffentlicht am 15.11.2019 | Aktualisiert am 19.11.2019


Weitere Nachrichten und Veranstaltungen:
www.BAYregio.de

Karte / Umgebung

Oberbayern
Bitte beachten Sie, dass viele der hier gezeigten Artikel von externen Verfassern stammen und hier lediglich veröffentlicht werden. Wir machen uns deshalb nicht die Meinung der jeweiligen Verfasser zu eigen.

Alle Angaben ohne Gewähr. Alle Rechte vorbehalten
Kontakt, Impressum und Datenschutz